Antonino M
Antonino M.So kommt es, daß das, was nach der Absicht des Verfassers ein Kunstwerk sein sollte, in der That ein wissenschaftliches Dokument geworden ist.
Antonino M. ist kein Autorenname, sondern die Chiffre für einen kalabresischen Strafgefangenen, geboren 1850 in Parghelia in der Provinz Catanzaro, der in den 1890er Jahren im Zuchthaus seine Lebenserinnerungen niederschrieb. Herausgegeben wurde der Text von dem Journalisten und Kriminologen Augusto Guido Bianchi (1868–1951), der den Namen des Verfassers mit Rücksicht auf dessen Kinder abkürzte.
Bianchi wurde 1868 in Turin geboren und starb am 11. Mai 1951 in Mailand. Er gründete 1887 in Mailand das Blatt „Cronaca Rosa“, arbeitete für die „Cronaca d’Arte“ und wurde Redakteur des „Corriere della Sera“, für den er als Gerichts- und Lokalberichterstatter schrieb. Sein Interesse galt der neuen italienischen Kriminalanthropologie um Cesare Lombroso, die den Verbrecher nicht mehr als Rechtsfall, sondern als zu untersuchendes Individuum verstand.
Das Manuskript des Antonino M. hatte der Psychiater Silvio Venturi erhalten, Direktor der Irrenanstalt von Girifalco, der den Häftling in dessen letztem Prozess begutachtet hatte. Über Venturi gelangte es an Bianchi, der es 1893 unter dem Titel „Il romanzo di un delinquente nato“ in Mailand herausgab – mit einer eigenen Vorrede, einer nach Venturis Ermittlungen erstellten Biografie des Verfassers und dem psychiatrischen Gutachten. Bianchi selbst hat den Mann, dessen Leben er dokumentierte, nie gesehen.
Die deutsche Übersetzung besorgte Friedrich Wilhelm Ramhorst (1863–1929); sie erschien 1894 als „Der Roman eines geborenen Verbrechers. Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M.“ im Berliner Verlag von Alfred H. Fried. Das Buch wurde auch in der englischen psychiatrischen Fachpresse besprochen und galt als seltener Fall einer authentischen Verbrecherautobiografie.
Bianchi veröffentlichte später weitere Arbeiten an der Grenze von Reportage und Kriminalpsychologie, darunter „L’incarto di un processo“ (1903), pflegte Freundschaften mit Künstlern und mit dem Dichter Giovanni Pascoli und hinterließ eine umfangreiche Autografensammlung. Lombrosos Lehre vom geborenen Verbrecher ist wissenschaftlich längst widerlegt; als Zeugnis ihrer Zeit und als Stimme eines Mannes, der sich stets einen Unglücklichen und nie einen Schuldigen nannte, behält das Buch seinen dokumentarischen Wert.
Werke:
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Antonino M
Deutsch
19.11.2015
1.39 MB
157
6.833