„Die Prophezeiungen“ des Michel de Nostredame, genannt Nostradamus, erschienen 1555 in Lyon und zählen zu den meistgedeuteten Texten der Neuzeit. Der provenzalische Apotheker war auch als Arzt und Sternenfreund tätig. Er fasste seine Vorhersagen in gereimte Vierzeiler, die Quatrains, und ordnete sie zu Gruppen von je hundert Strophen, den sogenannten Centurien. Die erste Ausgabe enthielt 353 Strophen, bis 1568 wuchs das Werk auf fast tausend an. Eingeleitet wird es von einem Vorwort an den Sohn César, hinzu kommt ein Brief an König Heinrich II.
Die Verse verzichten fast durchwegs auf Namen und Jahreszahlen und arbeiten mit Bildern, astrologischen Konstellationen und dunklen Anspielungen. Gerade diese Offenheit erklärt ihre Wirkung: Seit mehr als vier Jahrhunderten finden Ausleger darin die Kriege, Umstürze und Katastrophen ihrer eigenen Gegenwart, meist im Nachhinein. Die Forschung hat gezeigt, dass viele Strophen ältere Chroniken und Wunderbücher umschreiben. Wer die Quatrains selbst liest statt ihrer Kommentatoren, begegnet weniger einem Seher als einem Zeugnis der Krisenstimmung des 16. Jahrhunderts, geprägt von Pest, Glaubensstreit und Endzeiterwartung. Zugleich lässt sich prüfen, wie viel Deutung die berühmten „Treffer“ tatsächlich verlangen.
Textvorlage: Herkunft nicht gesichert, Übersetzer unbekannt. Der Text stammt vermutlich aus einer von zwei Quellen: „Prophezeiungen des Nostradamus“ nach der Lyoner Ausgabe von 1568 (Sonnewald, Stuttgart 1840) oder Carl Loog, „Die Weissagungen des Nostradamus“ (Johannes Baum Verlag, Pfullingen 1921).
Ebook Editor: Zulu-Ebooks.com A.D. (März 2005, Oktober 2026 – vollständig neu und korrigiert).
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