Erich Mühsam – Zusehen, wie ein Anarchist entsteht
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- Kategorie: Zulu Magazin
- Veröffentlicht: Mittwoch, 04. November 2026
Das erste Buch ist drei Männern gewidmet: „dem betenden Skeptiker Gustav Landauer, dem lieblosen Schwärmer Paul Scheerbart und dem fidelen Tragöden Erich Mühsam“. Der Dritte ist der Verfasser selbst. Wer sich so vorstellt, nimmt sich ernst und lacht gleichzeitig darüber – und genau in dieser Haltung stehen die rund zweihundert Gedichte, die Erich Mühsam 1914 bei Paul Cassirer in Berlin als „Wüste – Krater – Wolken“ herausbrachte. Seit dieser Woche liegt der Band bei Zulu, als Edition Zulu-Ebooks.com von A.B., nach der Erstausgabe gesetzt und exklusiv für Zulu erstellt.Mühsam ist heute vor allem als politische Figur bekannt: Anarchist, Mitstreiter Landauers, 1919 in der Münchner Räterepublik, danach fünf Jahre Festungshaft, 1934 im KZ Oranienburg ermordet. Dieses Buch ist der Dichter vor alldem. Es versammelt, was er zwischen seinem zwanzigsten und seinem fünfunddreißigsten Jahr geschrieben hat, von ihm selbst in drei Bücher geordnet. Das Foto zeigt ihn als jungen Mann neben Peter Hille, dem Berliner Bohemien, dessen Gedächtnis der ganze Band gewidmet ist.
Man kann zusehen, wie ein Anarchist entsteht
Die drei Buchtitel sind keine Dekoration, sie sind der Weg. „Die Wüste“ (1898–1903) ist das Caféhaus: Lebensekel, Weltschmerz, ein Spott auf den eigenen Kreis – „Paar Reimer, paar Zoter, paar Schnüffler, paar Schreiber, – / In Summa: ein Literaturverein.“ Die Politik kommt hier höchstens als Seufzer vor, etwa wenn ein Schutzmann hoch zu Ross auf das Straßengewühl herabsieht und der Dichter sich wünscht, es säße ein Dichter auf dem Pferd.„Der Krater“ (1904–1908) wird schärfer und witziger. Hier stehen die Schnapslieder, die Schwabinger Frauen, die Gedichte über Ratten, Schornsteine und tote Kater – und hier steht „Der Revoluzzer“, Mühsams berühmtestes Gedicht, mit der Widmungszeile „Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet“. Die Satire gilt nicht den Revolutionären, sondern denen, die mitmarschieren und dabei bitte nichts kaputt machen wollen.
In „Wolken“ (1909–1913) ist der Witz dann nicht mehr harmlos. „Lumpenlied“ spricht als „schäbiges Lumpenpack, auf das der Bürger speit“. „An die Soldaten“ ist sieben Zeilen lang und endet mit „Sauft! Der heilige Krieg beginnt.“ – ein Jahr vor dem Krieg gedruckt. „Mein Gefängnis“ misst eine Zelle mit „siebzehn Meter im Kubik“, lange vor der Festungshaft. Und in „Dichter und Kämpfer“ heißt es: „Ich bin der Freiheit ein Soldat / Und muß ihr neue Kämpfer werben.“ Die Zeile, die heute auf Gedenktafeln steht – „Sich fügen heißt lügen“ –, ist noch nicht dabei; sie stammt aus den Jahren nach der Räterepublik. Aber man sieht in diesem Buch, woher sie kommt: aus dem Spott, nicht aus dem Pathos.
Der Lampenputzer verbittet sich die Revolution
Das Gedicht steht im zweiten Buch, ohne Erklärung, und braucht auch keine. Wir geben es ganz wieder, in der Schreibung von 1914:War einmal ein Revoluzzer,Die Pointe ist nicht die Laterne, sondern das Buch am Ende: Der Lampenputzer wird Theoretiker. Mühsam hat das 1907 geschrieben, zwölf Jahre bevor er selbst in München auf der falschen Seite der Barrikade stand – aus Sicht derer, die er hier verspottet.
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.
Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.
Doch die Revoluzzer schritten
Mitten in der Straßen Mitten,
Wo er sonsten unverdrutzt
Alle Gaslaternen putzt.
Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
Aus dem Straßenpflaster aus,
Zwecks des Barrikadenbaus.
Aber unser Revoluzzer
Schrie: „Ich bin der Lampenputzer
Dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!
Wenn wir ihn’ das Licht ausdrehen,
Kann kein Bürger nichts mehr sehen,
Laßt die Lampen stehn, ich bitt!
Denn sonst spiel’ ich nicht mehr mit!“
Doch die Revoluzzer lachten,
Und die Gaslaternen krachten,
Und der Lampenputzer schlich
Fort und weinte bitterlich.
Dann ist er zuhaus geblieben
Und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich, wie man revoluzzt
Und dabei doch Lampen putzt.
Die Ausgabe bei Zulu
A.B. hat den Band im Dezember 2018 nach der Erstausgabe von 1914 gesetzt. Text und Anordnung folgen dem Original, bis hin zur Rechtschreibung („Laßt“, „Mähren“, „Aeolsharfen“) und zu den Widmungen an Peter Hille und Johannes Nohl. Das Besondere dieser Ausgabe: Die meisten Gedichte erschienen 1914 ohne Titel. A.B. hat die Titel, die Mühsam oder seine Herausgeber später vergaben, in eckigen Klammern nachgetragen – „[Der Krater]“, „[Gebt mir Schnaps]“, „[Dichter und Kämpfer]“ –, und ein Register der Gedichtanfänge angehängt, damit man die unbetitelten wiederfindet. Das PDF hat 219 Seiten, das EPUB ist klein. Ein Nachwort „Zu dieser Ausgabe“ erklärt die wenigen Eingriffe.Ein Fund aus der eigenen Bibliothek: Mühsam war bei Zulu schon da, ohne dass es jemand gemerkt hätte. In Richard Zoozmanns Anthologie „Die schönsten Liebesgedichte“ steht sein Achtzeiler „Werbung“ – „Als ich dich fragte: Darf ich Sie beschützen? / Da sagtest du: Mein Herr, Sie sind trivial.“ In „Wüste – Krater – Wolken“ findet ihr dasselbe Gedicht im dritten Buch, dort noch ohne Titel.
Lesepfad
Wer den Ton des „Revoluzzers“ mag, sollte danach Christian Morgensterns „Galgenlieder“ aufschlagen: dieselben Jahre, dieselbe Lust am Reim, der das Ernste kippt – nur dass Morgenstern ins Absurde geht, wo Mühsam auf die Straße zielt. Und wer bei Zoozmann nachsehen will, wie sich Mühsams „Werbung“ neben Goethe, Heine und Morgenstern hält: Die Anthologie liegt ebenfalls bei Zulu, ohne Schranken, ohne Anmeldung, ohne Kosten.Das E-Book bei Zulu:
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Der Lesepfad:
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Erich Mühsam
Deutsch
03.11.2026
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