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- Kategorie: Zulu Magazin
- Veröffentlicht: Mittwoch, 30. September 2015

„Ich bin ein behördlicher Idiot.“ Das sagt Josef Schwejk zu einem Zivilpolizisten, der ihn anschreit, er solle sich nicht so blöd benehmen. Schwejk kann sich nicht helfen: Eine Militärkommission hat ihn amtlich für einen Idioten erklärt, mit Stempel, und seither hält er sich daran wie an einen Dienstbefehl. Das ist der Kern von Jaroslav Hašeks Roman, und es ist der Grund, warum das Buch hundert Jahre nach seinem Erscheinen noch funktioniert.
„Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ erschien 1921 bis 1923 in Prag in Lieferungen, zuerst an Kiosken, nicht im Buchhandel. Hašek starb am 3. Jänner 1923 mit neununddreißig Jahren mitten im vierten Teil; der Roman bricht in einem Offiziersquartier in Galizien ab. Bei Zulu liegt die deutsche Fassung von Grete Reiner als Edition Zulu-Ebooks.com, die Gesamtausgabe des Originalmanuskripts, und zwar ohne die Fortsetzung, die ein anderer später angehängt hat.
Schwejk sabotiert, indem er gehorcht
Man kann Schwejk für einen Trottel halten wie seine Vorgesetzten oder für einen gerissenen Simulanten wie die Gerichtsärzte. Beides geht am Buch vorbei. Schwejk tut genau das, was man ihm sagt, und er tut es vollständig. Wenn ein Offizier einen Hund will, beschafft er einen Hund, auch wenn der dem Obersten gehört. Wenn man ihn fragt, ob auf der Polizei Druck auf ihn ausgeübt wurde, antwortet er, er habe selbst gefragt, ob er unterschreiben soll, „Ordnung muß sein“. Eine Armee, in der jeder Befehl wörtlich genommen wird, bricht schneller zusammen als eine, in der jeder verweigert. Hašek hat das 1914 bis 1918 selbst erlebt, erst in der k. u. k. Armee, dann in russischer Gefangenschaft, und er hat vorher als Redakteur der Zeitschrift „Die Welt der Tiere“ erfundene Tierarten mit todernster Miene beschrieben. Der Ernst, mit dem Schwejk Unsinn ausführt, ist dieselbe Technik.
Dazu kommt, dass Schwejk zu allem eine Geschichte weiß. Jeder Befehl, jede Beleidigung, jeder Tote löst bei ihm eine Erzählung aus, in der ein Hausmeister aus Nusle, ein Drogist oder ein Hundehändler vorkommt. Die Vorgesetzten verzweifeln daran, weil man einen Mann nicht bestrafen kann, der einem gerade einen Fall aus Vršovice erklärt. Wer diese Geschichten überblättert, hat den Roman nicht gelesen.
„Also sie ham uns den Ferdinand erschlagen“
So beginnt der Roman, am Tag nach Sarajevo. Schwejk, der sich vom Verkauf schlechtrassiger Hunde mit gefälschten Stammbäumen ernährt, reibt sich gerade die Knie mit Opodeldok ein, als seine Bedienerin mit der Nachricht kommt. In Grete Reiners Übersetzung klingt das so:
„Was für einen Ferdinand, Frau Müller?“ fragte Schwejk, ohne aufzuhören, sich die Knie zu massieren. „Ich kenn zwei Ferdinande. Einen, der is Diener beim Drogisten Pruscha und hat dort mal aus Versehn eine Flasche mit irgendeiner Haartinktur ausgetrunken, und dann kenn ich noch den Ferdinand Kokoschka, der was den Hundedreck sammelt. Um beide is kein Schad.“
„Aber gnä’ Herr, den Herrn Erzherzog Ferdinand, den aus Konopischt, den dicken frommen.“
„Jesus Maria“, schrie Schwejk auf. „Das ist aber gelungen. Und wo is ihm denn das passiert, dem Herrn Erzherzog?“
Der Weltkrieg beginnt in einer Prager Küche, und der Thronfolger ist einer von drei Ferdinanden. Hašek braucht keine Satire auf die Monarchie, er lässt sie nur im richtigen Maßstab vorkommen. Zwei Seiten später sitzt Schwejk wegen dieses Gesprächs als Hochverräter in Haft.
Die Ausgabe bei Zulu
Die Übersetzung stammt von Grete Reiner und erschien 1926 in Prag. Reiner übersetzte nicht ins Hochdeutsche, sondern in ein Prager Deutsch mit tschechischem Satzbau, in dem „is“, „ham“ und „worn“ stehen bleiben; Bertolt Brecht und Erwin Piscator lernten Schwejk in dieser Fassung kennen, Piscator brachte ihn 1928 in Berlin auf die Bühne. Grete Reiner wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet. Ihre Übersetzung ist seit 2015 frei und bis heute die Fassung, in der die meisten Schwejk kennen. Zulus Band enthält alle vier Teile Hašeks bis zum Satz „Hier endet das Manuskript“ und verzichtet auf die Fortsetzung von Karel Vaněk, die in älteren deutschen Ausgaben oft mitgedruckt wurde. Die Datei ist mit zehn Megabyte groß, weil sie durchgehend illustriert ist, mit jenen Strichzeichnungen, die Schwejks rundes Gesicht geprägt haben. Der Blog derpostmann, den wir im Klappentext zitieren, meint, bei der Niederschrift „muss ihn die Muse geküsst haben“; wir würden eher sagen, Hašek hatte seit 1911, als Schwejk erstmals in Zeitungsgeschichten auftrat, zehn Jahre Material gesammelt.
Lesepfad
Wer wissen will, wie dieselbe Monarchie von oben aussah, liest Joseph Roths „Die Kapuzinergruft“: der letzte Trotta erlebt 1914 bis 1938 in Wien, was Schwejk in Prag auslöst, nur ohne einen einzigen Witz. Robert Musil beschreibt in den „Gesammelten Werken“ dasselbe Reich als „Kakanien“, einen Staat, der sich selbst nur noch mit Ironie ertragen konnte. Und wer nach Schwejk wissen möchte, wie Krieg eigentlich gedacht war, bevor Schwejk ihn ausführte, nimmt Clausewitz, „Vom Kriege“: dort heißt es, im Krieg sei alles sehr einfach, aber das Einfachste sei schwierig. Schwejk ist der Beweis.
Das E-Book bei Zulu: Die Abenteuer des sanft-vertrottelten, melancholischen-widersetzlichen Schwejk haben den einfachen Soldaten zum berühmtesten Uniformträger der Welt gemacht. Diese einmalige Gestalt der Weltliteratur hat Millionen Leser begeistert. Inhalt
Auf humorvolle Weise werden Schwejks Abenteuer während des 1.WK geschildert. Sein Eintritt in die Armee und seine Zeit .... Weiterlesen... | |
Der Lesepfad: Die Geschichte des Leutnants Trotta, dessen Schicksal mit dem Untergang der k. u. k. Monarchie unauflösbar verwoben ist. Die Kapuzinergruft, Grabstätte der österreichischen Kaiser, wird hier zum Symbol der vergangenen Donaumonarchie. Der Roman spielt kurz vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg; er endet mit dem sogenannten »Anschluß« Österreichs an das Deutsche Reich .... Weiterlesen... | |
„Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er denkt.“
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