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Casanovas Memoiren – Der Reporter ist wichtiger als der Verführer

Casanova in Gesellschaft von Damen, Stich im Stil des 18. JahrhundertsIn einer Novembernacht 1756 kriecht ein Mann auf allen vieren über das Bleidach des Dogenpalastes in Venedig. Hinter ihm ein Mönch, der sich an seinem Hosenbund festhält und mitten im Aufstieg umkehren will, weil ihm ein Paket weggerutscht ist. Der Mann vorne ist Giacomo Casanova, einunddreißig Jahre alt, seit fünfzehn Monaten ohne Urteil in den Bleikammern. Die Flucht gelingt, und er wird sie den Rest seines Lebens erzählen, bis er sie mit über sechzig im böhmischen Schloss Dux aufschreibt.

„Geschichte meines Lebens“ heißt das Buch, das daraus wurde: über zweitausend Seiten, auf Französisch geschrieben von einem Venezianer, der als Bibliothekar des Grafen Waldstein endete. Bei Zulu liegt es vollständig in sechs Bänden, dazu Casanovas einziger Roman, das „Icosameron“. Wer bei dem Namen nur an Schlafzimmertüren denkt, hat das Buch noch nicht aufgeschlagen.

Der Reporter ist wichtiger als der Verführer

Die Liebesgeschichten sind da, und Casanova zählt sie ohne falsche Scham auf, mit Namen, Ort und Preis. Aber sie machen vielleicht ein Viertel des Buches aus. Der Rest ist der Bericht eines Mannes, der an jedem Hof Europas vorgesprochen und überall genau hingeschaut hat: wie man in Paris eine Lotterie gründet, was Friedrich der Große einen Fremden in Sanssouci fragt, wie Voltaire in Ferney Gäste empfängt, wie eine Hinrichtung auf der Place de Grève abläuft. Der Schriftsteller Hermann Kesten hat das so zusammengefasst: „Das ganze 18. Jahrhundert tummelt sich in seinen Memoiren und lacht, und räsoniert, und hurt, in keinem anderen Buch ist es so lebendig, so deutlich, so zum Riechen, Fühlen, Schmecken nah.“

Dazu kommt eine Vorrede, die kaum jemand liest. Darin erklärt Casanova, er glaube an die Freiheit des Willens und sei für alles Gute und Böse in seinem Leben selbst verantwortlich; die Lehre vom Schicksal nennt er ein Hirngespinst. Hier schreibt einer, der nie Opfer sein wollte, auch nicht in den Bleikammern. Das unterscheidet ihn von den Memoirenschreibern, die mit der Selbstrechtfertigung beginnen und mit ihr enden.

Dass er kein Heiliger war, sagt das Buch selbst: In Lyon lässt er sich 1763 berichten, was sein ehemaliger Komplize Passano über ihn verbreitet: Casanova sei „Hexenmeister, Zauberer, Fälscher, Dieb, Spion, Münzenbeschneider, Giftmischer – mit einem Wort, der niederträchtigste Mensch auf der Welt“. Casanova gibt die Tirade seelenruhig wieder; ein paar Punkte stimmten.

Auf dem Dach des Dogenpalastes

Die Flucht aus den Bleikammern steht am Ende des zweiten Bandes; Casanova hat sie 1788 auch einzeln veröffentlicht. Hier der Moment, in dem er mit Pater Balbi durch das Loch im Dach ins Freie kommt, in der Übersetzung von Heinrich Conrad:
Auf allen Vieren kriechend, packte ich mit fester Hand meinen Spieß, stieß ihn schräge in die Fuge zweier Bleiplatten und packte dann mit vier Fingern den Rand der von mir umgebogenen Platten. So kam ich allmählich bis an den First des Daches. Der Mönch, der mir folgte, hielt sich mit vier Fingern seiner rechten Hand an meinem Hosenbund fest. So befand ich mich in der unangenehmen Lage eines Lasttiers, das gleichzeitig ziehen und tragen muß, und noch dazu auf einem abschüssigen Dach, das von einem dichten Nebel schlüpfrig geworden war. […] Mein erster Gedanke war, ihm einen Fußtritt zu versetzen und ihn hinter seinem Paket herzuschicken.
Die Lebensgefahr präzise protokolliert, und mitten drin der Gedanke an den Fußtritt, den er sich verkneift, weil er den Mönch noch braucht: Casanova beschönigt sich nicht einmal da, wo er der Held ist.

Die Ausgaben bei Zulu

Die sechs Bände folgen der deutschen Gesamtausgabe, die Heinrich Conrad ab 1907 bei Georg Müller in München herausgebracht hat; im Text stecken noch Anmerkungen des Herausgebers, einmal sogar eine Verlagsanzeige samt Preis in Mark. Conrad hatte nicht Casanovas Manuskript vor sich, sondern die geglättete Fassung, die Brockhaus im 19. Jahrhundert drucken ließ; der echte Text erschien erst 1960. Die Rechtschreibung ist die von 1907, die Kapitelübersichten am Anfang jedes Bandes taugen als Lesekarte; das PDF ist 11 MB groß.

Das „Icosameron“ ist eine andere Sache. Casanova hat den Roman 1788 in Prag drucken lassen; ein englisches Geschwisterpaar fällt nach einem Schiffbruch in einer Bleikiste ins Innere der Erde und trifft dort auf das Volk der Megamikren. Heinrich Conrad, der auch dies übersetzt hat, schreibt im Vorwort, er habe fünfzehn Jahre nach einem Exemplar gesucht und für die deutsche Ausgabe „den guten, blanken Kern herausgeschält“, also gekürzt; die Zulu-Ausgabe heißt deshalb „Eduard und Elisabeth bei den Megamikren“. Ehrlich gesagt eher ein Kuriosum als ein Lesevergnügen, ein philosophischer Reiseroman nach dem Muster Swifts; aber er zeigt, dass der alte Casanova mehr sein wollte als der Chronist seiner Eroberungen.

Lesepfad

Der Marquis de Sade, fünfzehn Jahre jünger als Casanova, hat mit „Justine“ das Gegenbild zu den Memoiren geschrieben: dasselbe Jahrhundert, dieselben Salons, nur ohne das Lachen; wer beide liest, versteht, warum Casanova bei allem Zynismus ein Menschenfreund geblieben ist. Wer die Memoiren eines zweiten Hochstaplers mit Polizeiakte sucht, nimmt Vidocqs „Landstreicherleben“: ein Galeerensträfling, der Chef der Pariser Kriminalpolizei wurde und seine Lebensgeschichte ebenso selbstbewusst zurechtbog wie der Venezianer.


Die E-Books bei Zulu:

ebook Casanovas Memoiren
(15)
Größter Verführer aller Zeiten. Liebhaber von Katharina der Grossen. Flüchtling der Bleikammern Venedigs. Geheimagent der Inquisition. Das sind nur einige Beinamen des legendären Lebemannes Giacomo Girolamo Casanova.

Seine unzähligen Abenteuergeschichten voller Lust und Verführung nehmen uns mit auf eine Reise in die Zeit, da die pure Nennung seines Namens sämtliche Türen und .. Weiterlesen...
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 Giacomo Casanova   Deutsch  CC 3: by-nc-nd  01.12.2015  11.59 MB  2419  19.003

ebook Casanovas Icosameron
(6)
Ein phantastischer Roman um eine Reise in die Mitte der Erdkugel.

Casanovas Icosameron ist bekanntlich eines der seltensten Bücher, die es gibt.

Wenn Casanovas Werk nichts anderes wäre, als eine von den vielen Utopien, die nach der Utopia des Thomas Morus entstanden oder eine der vielen Liliputiaden nach Swift, so brauchte man sich nicht darum zu mühen, es der .... Weiterlesen...
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 Giacomo Casanova   Deutsch  CC 3: by-nc-nd  02.12.2015  2.79 MB  494  12.317

Der Lesepfad:

ebook Die Geschichte der Justine
(38)
Justine oder vom Missgeschick der Tugend / Die Nachteile der Tugend (franz. Originaltitel: Justine ou les Malheurs de la vertu) ist ein Roman des Schriftstellers Marquis de Sade, den er 1787 während seiner Inhaftierung in der Bastille verfasste.

Justine und Juliette sind die Töchter eines bankrotten Kaufmanns. Nach dem Tod der nahezu mittellosen Mutter beschließt Juliette, als .... Weiterlesen...
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 Marquis de Sade  Web   Deutsch  CC 3: by-nc-nd  23.04.2019  121.21 MB  424  16.222

ebook Vidocqs Landstreicherleben
(4)
Eugène François Vidocq (* 23. Juli 1775 in Arras; † 11. Mai 1857 in Paris) war ein französischer Krimineller und Kriminalist, dessen Leben zahlreichen Schriftstellern wie Victor Hugo und Honoré de Balzac als Inspiration diente. Durch seine Aktivitäten als Begründer und erster Direktor der Sûreté Nationale sowie der anschließenden Eröffnung einer Privatdetektei, die wahrscheinlich die .... Weiterlesen...
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 Eugène François Vidocq   Deutsch  CC 3: by-nc-nd  06.04.2021  1.81 MB  388  5.498

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