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- Kategorie: Zulu Magazin
- Veröffentlicht: Donnerstag, 18. Juni 2015

Ein Junge wird siebzehn und verbringt seinen Geburtstag auf einem Schlachtfeld. Nur ist die Schlacht vorbei, seit zehn Tagen, und was er sieht, sind niedergetretene Kornfelder, frisch aufgeworfene Erdhügel und Pferdekadaver in der Junisonne. Der Junge heißt Wilhelm Häring, Gymnasiast aus Berlin, später als Willibald Alexis einer der meistgelesenen Romanschreiber Preußens. Am 18. Juni 1815 war bei Waterloo das Schicksal Europas entschieden worden; die Freiwilligen des Regiments Kolberg erreichten das Feld, als die Toten schon begraben waren.
Was Alexis von diesem Feldzug übrig behielt, hat er ein Vierteljahrhundert später aus seinen Briefen und Tagebüchern aufgeschrieben: „Als Kriegsfreiwilliger nach Frankreich 1815“. Bei Zulu liegt der Bericht als E-Book, daneben Alexandre Dumas’ romanhafte Lebensgeschichte Napoleons, die Sicht der anderen Seite.
Zu spät zu kommen ist das Beste, was diesem Buch passieren konnte
Die Literatur über Waterloo ist eine Literatur der Strategen: Wellingtons Linie, Blüchers Flankenmarsch, Neys Kavallerie. Alexis kann davon nichts erzählen, und er tut auch nicht so. Er erzählt, wie ein Freiwilligenkorps aus sechzehnjährigen Gymnasiasten zu Fuß von Berlin an die Maas marschiert, in gewittriger Hitze, dann wochenlang im Regen; wie man an einem brennend heißen Tag für schweres Geld eine Flasche Wein für drei Leute ergattert; wie das Regiment vor Philippeville und Givet liegt, Festungen belagert, deren Kommandanten nur noch für ihren Nachruhm Widerstand leisten; wie am Tag nach der Kapitulation eine Parade angesetzt wird und der Tag mit „Wachsschmelzen und Kreideschaben“ vergeht.
Gerade deshalb ist das Buch ehrlicher als die meisten Schlachtenschilderungen. Der erwachsene Alexis schreibt mit der Skepsis eines Mannes, den die Jahre nach 1815 verbittert haben, und lässt den begeisterten Jungen von damals trotzdem stehen. Gleich auf den ersten Seiten räumt er ein, dass der Volksaufstand von 1815 materiell nicht mehr nötig war und die Hoffnungen auf Freiheit und Einheit vom Wiener Kongress bereits verraten waren: „Nur nicht uns sechzehn- und siebzehnjährigen Jünglingen. Wir träumten noch, wir waren noch berauscht.“
Der siebzehnte Geburtstag bei Belle-Alliance
Die Stelle, um die sich der Bericht dreht, steht ungefähr in der Mitte: der Marsch von Namur nach Charleroi, über die Felder, auf denen zehn Tage zuvor die Schlacht getobt hat.
Es war ein drückend heißer Juniustag, als wir erst morgens um sieben Uhr Namur verließen, um nach Charleroi zu marschieren: der denkwürdigste Marschtag im ganzen Feldzuge für mich, ob auch gleich von Begebenheiten nichts Sonderliches vorfiel. Es war mein Geburtstag, und ich wurde siebzehn Jahr alt auf – dem Schlachtfelde von Belle-Alliance! […] Es war ein großes Stück Geschichte geschehen, aber uns dröhnte es nur als Gerücht in die Ohren. […] Und doch war das nicht ein entsetzliches Bild – und ich sah nie ein ähnliches – so weit unser Auge reichte: niedergetretene Kornfelder! Wie auf den Boden gestampft die goldenen Ähren, die Büsche durchschossen, zerrissen, die Weidenbäume an den Gräben niedergebeugt. […] In diesem Graben, hinter diesem Walle hatten Leichen gelegen; es stand nicht an einer Tafel geschrieben, aber der Instinkt sagte es.
Ein paar Seiten weiter rasten die Jungen in einem halb zerstörten Flecken und erfahren erst beim Hinausmarschieren, dass es Fleurus war, aus dem ihr eigenes Regiment eine Woche zuvor blutig hinausgeschlagen worden war. Alexis zieht daraus den Satz, der das Buch zusammenfasst: „Die Weltgeschichte muß vor dem Privatschmerz zurückstehen.“
Die Ausgaben bei Zulu
Alexis hat seine Erinnerungen 1844 bis 1846 in Theodor Hells Taschenbuch „Penelope“ veröffentlicht. Die Zulu-Ausgabe folgt einer Buchfassung mit einer Einführung von Adolf Heilborn, datiert „Steglitz, 1916“, also mitten im nächsten Krieg. Die Einleitung ist ein Zeitdokument für sich: Heilborn spricht vom „heiligen Jahre 1813“ und wundert sich zugleich über die „tiefe Kluft im Vaterlandsempfinden“ zwischen seiner Gegenwart und Alexis’ Skepsis. Die alte Rechtschreibung („mußten“, „Ueberlegenheit“) ist beibehalten. Wer Alexis nur von den „Hosen des Herrn von Bredow“ kennt, findet hier den Rohstoff seiner preußischen Romane.
Alexandre Dumas’ „Napoleon Bonaparte“ ist das Gegenstück: die Lebensgeschichte des Kaisers, geschrieben vom Sohn eines seiner Generale, mit dem Erzähltempo des Musketier-Autors und ohne Quellenkritik. Die deutsche Übersetzung stammt aus der Zeit um 1910; der Übersetzer, im E-Book ungenannt, hat Dumas’ Zahlen in Anmerkungen korrigiert, wo sie Napoleons eigenen Schlachtberichten folgen. Waterloo bekommt hier die große Bühne, die Alexis ihm verweigert: Stellungen der vier Armeen in der Nacht zum 18. Juni, Truppenzahlen, Grouchy, der in Gembloux ausruht. Zusammen gelesen: oben der Kaiser, der zum zweiten Mal alles verliert, unten der Gymnasiast, der an der Maas Wasser gegen den Hunger trinkt.
Lesepfad
Wer nach Alexis wissen will, warum Feldzüge so selten nach Plan laufen, ist bei Carl von Clausewitz richtig. „Vom Kriege“ liegt bei Zulu mit der Vorrede seiner Witwe Marie; Clausewitz war 1815 Generalstabschef im Korps Thielmann und stand bei Wavre, während Alexis hinterhermarschierte. Sein Begriff der Friktion, der Summe kleiner Widerstände, die jeden Plan zermürben, liest sich nach Alexis’ Regen- und Hungertagen wie eine Zusammenfassung. Kein Buch für einen Abend: Am besten beim ersten Buch, siebtes Kapitel, anfangen.
Die E-Books bei Zulu: 1815 nahm Alexis als Freiwilliger an den Befreiungskriegen teil; als Mitglied des Regiments Kolberg belagerte er einige Ardennen-Festungen und berichtet von diesen Ereignissen in "Als Kriegsfreiwilliger nach Frankreich." G.Häring, 16 Jahre alt, will um jeden Preis Deutschland befreien. Er verläßt die Schule, zieht mit einem Heer gleichgesinnter von Berlin nach Nordfrankreich, alles .... Weiterlesen... | |
Der Lesepfad: Carl von Clausewitz (1780–1831) war preußischer Generalmajor, Heeresreformer und einer der einflussreichsten Militärtheoretiker der Neuzeit. Geboren in Burg bei Magdeburg, trat er bereits im Alter von zwölf Jahren in die preußische Armee ein und nahm wenig später am Ersten Koalitionskrieg gegen das revolutionäre Frankreich teil. In seinem bewegten militärischen Werdegang kämpfte er .... Weiterlesen... | |
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