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Edgar Allan Poe – Und das sollte Wahnsinn sein?

Cover der Zulu-Sammelausgabe Edgar Allan Poe„Warum aber müßt ihr durchaus behaupten, daß ich wahnsinnig sei?“ Der Mann, der das fragt, hat einen alten Herrn umgebracht, weil ihm dessen Auge nicht gefiel, und er wird gleich erklären, wie klug er dabei vorgegangen ist. Edgar Allan Poe hat die Geschichte 1843 veröffentlicht, sie ist sechs Seiten lang, und sie enthält den ganzen Poe: einen Erzähler, der uns seine Vernunft beweisen will, und einen Leser, der ihm beim Beweisen zusieht.

Poe (1809–1849) hat in vierzig Jahren die Detektivgeschichte erfunden, den Horror in die Psychologie geholt und Gedichte geschrieben, die man wegen ihres Klangs auswendig lernt. Die Zulu-Sammelausgabe versammelt gut vierzig Erzählungen, den einzigen Roman „Die denkwürdigen Erlebnisse des Artur Gordon Pym“ und rund dreißig Gedichte, überwiegend in den Übersetzungen der Berliner Propyläen-Ausgabe aus den 1920er Jahren.

Poes Mörder sind die vernünftigsten Leute im Buch

Die Gespenstergeschichte vor Poe arbeitete mit dem Unerklärlichen. Poe dreht das um: Seine Erzähler erklären alles. Der Mann mit der Laterne im „Schwatzenden Herz“ schildert sieben Nächte lang, wie vorsichtig er die Tür öffnet; der Mörder im „Faß Amontillado“ legt seine Rache an wie ein Bauprojekt; der Erzähler der „Schwarzen Katze“ beginnt mit dem Satz, er erwarte keinen Glauben, aber er sei nicht verrückt. Das Grauen entsteht nicht aus dem, was passiert, sondern aus der Ruhe, mit der es berichtet wird. Poe hat damit den Erzähler erfunden, dem man nicht trauen darf, gerade weil er so logisch spricht.

Und er hat den Gegentyp gleich mitgeliefert. Der Chevalier Dupin, der in der „Mordtat in der Rue Morgue“ aus einem zerquetschten Leichnam und einem Nagel im Fensterrahmen auf einen Orang-Utan schließt, ist derselbe kalte Verstand, nur auf der anderen Seite. Mörder und Detektiv denken bei Poe gleich. Arthur Conan Doyle hat sich vierzig Jahre später für Sherlock Holmes bei Dupin bedient.

Sieben Nächte lang eine Tür öffnen

Hier der Anfang von „Das schwatzende Herz“ („The Tell-Tale Heart“) in der Übersetzung der Propyläen-Ausgabe, herausgegeben von Theodor Etzel.

Wahr ist es: nervös, entsetzlich nervös war ich damals und bin es noch. Warum aber müßt ihr durchaus behaupten, daß ich wahnsinnig sei? Mein nervöser Zustand hatte meinen Verstand nicht zerrüttet, sondern geschärft, hatte meine Sinne nicht abgestumpft, sondern wachsamer gemacht. Vor allem hatte sich mein Gehörsinn wunderbar fein entwickelt. Ich hörte alle Dinge im Himmel und auf Erden. Ich hörte viele Dinge in der Hölle. Und das sollte Wahnsinn sein? Hört zu und merkt auf, wie sachlich, wie ruhig ich die ganze Geschichte erzählen kann. […] Ich glaube, es war sein Auge. Ja, das war es! Eins seiner Augen glich vollständig dem Auge eines Geiers – ein blasses, blaues Auge mit einem Häutchen darüber.
Kein Motiv, kein Hass, kein Geld: nur ein Auge. Poe gibt dem Verbrechen keinen Grund, damit die Erzählung selbst zum Grund wird.

Die Ausgabe bei Zulu

Das Rückgrat der Sammlung ist die sechsbändige Werkausgabe, die Theodor Etzel in den 1920er Jahren im Propyläen-Verlag Berlin herausgegeben hat; die meisten Erzählungen sind von Gisela Etzel übersetzt und tragen noch ihre Reihentitel, „Verbrechergeschichten“ oder „Geschichten von Schönheit, Liebe und Wiederkunft“. Daneben hat der Band eine zweite Schicht: eine ältere, anonyme Übersetzung von sechs Erzählungen, darunter „Der Goldkäfer“, „William Wilson“ und „Die Mordtat in der Rue Morgue“. Dadurch stehen einige Geschichten doppelt im Buch, „Das schwatzende Herz“ noch einmal als „Der alte Mann mit dem Geierauge“, „Das Faß Amontillado“ noch einmal als „Das Faß Amontilladowein“, „Hopp-Frosch“ als „Die Rache des Zwerges“. Man kann das als Fehler sehen oder als Geschenk: Zwei Übersetzungen desselben Anfangs zeigen, was eine Übersetzung mit einem Text macht.

Das eigentliche Kuriosum sind zwei Stücke aus dem Leipziger „Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft“ von 1882 und 1883, „frei nach Edgar Allan Poe“: „Die sprechende Mumie“, „auch ein Beitrag zur ägyptischen Frage“, mit einem Dr. Breitsprecher am Seziertisch, und „In den Armen des Todes“, eine Offiziersgeschichte aus Spanien 1810, „nach einem Motiv von Poe“. So hat man Poe in Deutschland zuerst gelesen: eingedeutscht, umgeschrieben, mit anderen Namen. Die Gedichte schließlich stehen teils deutsch, teils englisch; „Annabel Lee“ ist in beiden Sprachen da, „Der Rabe“ nur deutsch, in einer Fassung des 19. Jahrhunderts ohne Übersetzerangabe („Eines Nachts, aus gelben Blättern mit verblichnen Runenlettern“). Vollständig ist der Band nicht, der Klappentext verspricht da zu viel; aber alles, wofür Poe berühmt ist, steht drin.

Lesepfad

Wer nach Poe wissen will, wo der Schrecken aus dem Inneren herkommt, liest E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ von 1816, die Geschichte eines Mannes, der sich in eine Puppe verliebt. Wer den Weg von Dupin weitergehen will, nimmt die Sherlock-Holmes-Sammelausgabe bei Zulu, Doyle hat seine Schuld bei Poe nie bestritten. Und Wilkie Collins’ „Der Mondstein“ von 1868 zeigt, was aus dem Detektiv wurde, als er aus der Novelle in den Roman umzog: Ein Diamant verschwindet, und sechs Erzähler widersprechen einander.


Das E-Book bei Zulu:

ebook Edgar Allan Poe
(25)
„In der Finsternis liegt der Schlüssel zur Erkenntnis.“

Die vorliegende Sammelausgabe bringt das gesamte Werk von Edgar Allan Poe in einer lesefreudigen und zugleich literarisch anspruchsvollen Edition zusammen – ein Geschenk an alle Liebhaber der schwarzen Romantik, des makabren Humors und der genialen Verknüpfung von Rätsel, Symbolik und Stil. Poe, der .... Weiterlesen...
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 Edgar Allan Poe   Deutsch  CC 3: by-nc-nd  16.01.2021  4.82 MB  1021  24.029

Der Lesepfad:

ebook Der Sandmann
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Der Sandmann ist eine Erzählung in der Tradition des Kunstmärchens der Schwarzen Romantik (häufig auch als Schauerroman bezeichnet) von E. T. A. Hoffmann, die erstmals 1816 veröffentlicht wurde.

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 E. T. A. Hoffmann  Web   Deutsch  CC 3: by-nc-nd  20.01.2017  467.04 KB  26  12.275

ebook Sherlock Holmes Detektivgeschichten
(135)
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 Arthur Conan Doyle  Web   Deutsch  CC 3: by-nc-nd  04.12.2015  6.28 MB  1267  46.019

ebook Der Mondstein
(1)
Ein gestohlener Edelstein, ein rätselhaftes Schweigen – und der Ursprung des modernen Kriminalromans.

Wilkie Collins’ Der Mondstein (The Moonstone, 1868) gilt als der erste große Detektivroman der Weltliteratur. Mit unvergleichlicher Raffinesse verknüpft Collins Elemente des Mysteriösen, Sozialen und Psychologischen zu einem facettenreichen .... Weiterlesen...
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 Wilkie Collins  Web   Deutsch  CC 3: by-nc-nd  07.01.2021  8.85 MB  692  5.551

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