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Vidocq – Der Verbrecher, der die Polizei erfand

Eugène François Vidocq„Ich bin in Arras geboren. Da ich ewig in Verkleidungen gelebt habe, da meine Gesichtszüge sehr beweglich sind und ich eine besondere Fähigkeit habe, mich zu verstellen, so herrscht im allgemeinen eine gewisse Unsicherheit über mein Alter.“ So beginnt ein Mann seine Lebensgeschichte, der Bäckerssohn, Deserteur, Fälscher, Galeerensträfling, Polizeispitzel, Chef der ersten Kriminalpolizei Frankreichs und Gründer der ersten Detektei der Welt war – in dieser Reihenfolge. Eugène François Vidocq (1775–1857) hat beide Seiten des Gesetzes von innen gesehen, und er hat beide verraten.

Seine „Denkwürdigkeiten“ erschienen 1828 und 1829 in vier Bänden und waren sofort ein europäischer Bestseller. Balzac machte aus Vidocq den Vautrin der „Menschlichen Komödie“, Victor Hugo gab in „Les Misérables“ sowohl dem Flüchtling Jean Valjean als auch seinem Verfolger Javert seine Züge, und Poes Detektiv Dupin misst sich ausdrücklich an ihm. Bei Zulu liegen die Memoiren als „Landstreicherleben“ vor – in einer Ausgabe, deren Geschichte fast so gut ist wie die des Buches.

Ein Roman, der sich Memoiren nennt

Was an diesen Erinnerungen stimmt, ist bis heute umstritten. Vidocq arbeitete mit Ghostwritern, strich, übertrieb und erfand, und er schrieb das Buch zu einem Zweck: sich zu rechtfertigen. Gerade das macht es lesbar. Man bekommt kein Zeitbild von Revolution, Kaiserreich und Restauration – man bekommt einen Mann, dem diese Umbrüche nur insofern existieren, als sie ihm Flucht, Geld oder Frauen verschaffen. Der Staat ist für Vidocq die lästige Frage nach Pässen und Vorstrafen; wer die Papiere wechselt, hat ihn abgeschüttelt.

Die Methoden, die er ab 1811 bei der Sûreté einführte, sind heute Handwerk: die Kartei über bekannte Täter, die verdeckte Ermittlung mit ehemaligen Sträflingen in Zivil, der Vergleich von Spuren am Tatort. Weniger bekannt ist, was er nach seinem Abschied 1827 versuchte: eine Papierfabrik, in der er ausschließlich entlassene Sträflinge beschäftigte, Männer und Frauen. Die Fabrik wurde boykottiert und ging bankrott. Die Idee kam hundert Jahre zu früh.

Stimme eines Schwindlers

Anthropometrische Aufnahme nach BertillonVidocq erzählt in der Ich-Form, schnell, mit Dialogen, ohne Reue, aber mit viel Erklärung – warum alles so kommen musste. Hier wirbt ihn in Arras ein Fremder an, dessen Freundlichkeit sich bald als Falle erweist:
„Ihr Gesicht gefällt mir,“ sagte er; „ich liebe die offenen Gesichter; in Ihren Zügen herrscht eine gewisse Freimut und Herzlichkeit, die ich gern habe: Und ich will’s Ihnen beweisen!“ […] Der Makler erwies mir so viel Gefälligkeiten, er lud mich so freundlich ein, daß es klotzig von mir gewesen wäre, mich bitten zu lassen. Ich nahm also an.
So läuft es dreihundert Seiten lang: Jemand ist freundlich, Vidocq nimmt an, und am Morgen fehlen Geld und Papiere. Der Leser ist immer einen Schritt voraus, und genau das ist der Reiz – man sieht dem Schwindler beim Beschwindeltwerden zu.

Die Ausgabe bei Zulu

Fingerabdruck„Landstreicherleben“ ist die deutsche Fassung, die der expressionistische Dichter Ludwig Rubiner für den Münchner Verlag Georg Müller erarbeitete; sein Vorwort ist auf Oktober 1913 datiert und ist selbst ein kleines Essay wert. Rubiner nennt Vidocq einen „Cellini von der Unterseite der menschlichen Gesellschaft“ und bringt die Figur auf den Satz: „Er ist Verbrecher und Büttel, Kamerad und Verräter. Wahrhaft dankbar und wahrhaft hundsgemeiner Schuft.“ Er sieht in den Memoiren sogar eine frühe Milieutheorie – Vidocq erkläre seine Taten aus seiner Umgebung, „drei Generationen vor der exakten Systematisierung dieser Idee“.

Eine Kuriosität: Rubiner lässt Vidocq am 28. April 1857 sterben, „zu Paris (oder Brüssel?)“. Die heutige Forschung sagt 11. Mai 1857, Paris. Wir haben das stehen lassen – es gehört zum Buch, und es zeigt, wie unsicher selbst das Ende dieses Lebens lange war.

Lesepfad

Wer Vidocq gelesen hat, sollte als Nächstes seine literarischen Kinder besuchen. Balzacs Vautrin und Hugos Javert liegen noch nicht bei Zulu; wer wissen will, wie das 19. Jahrhundert Vidocq weitererzählte, liest bis dahin Charles Collins’ „Vidocq, französischer Detektiv“. Und wer wissen will, wie aus Vidocqs Kartei die moderne Kriminalistik wurde, findet bei Poe den ersten Detektiv, der ihn beim Namen nennt: Auguste Dupin im „Doppelmord in der Rue Morgue“, enthalten in unserer Poe-Sammelausgabe.


Das E-Book bei Zulu:

ebook Vidocqs Landstreicherleben
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Eugène François Vidocq (* 23. Juli 1775 in Arras; † 11. Mai 1857 in Paris) war ein französischer Krimineller und Kriminalist, dessen Leben zahlreichen Schriftstellern wie Victor Hugo und Honoré de Balzac als Inspiration diente. Durch seine Aktivitäten als Begründer und erster Direktor der Sûreté Nationale sowie der anschließenden Eröffnung einer Privatdetektei, die wahrscheinlich die .... Weiterlesen...
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 Eugène François Vidocq   Deutsch  CC 3: by-nc-nd  06.04.2021  1.81 MB  388  5.499

Der Lesepfad:

ebook Vidocq, französischer Detektiv
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Mit Vidocq, French Detective: In Two Portions legt Charles Collins ein Werk vor, das die Faszination für eine der schillerndsten Figuren des 19. Jahrhunderts einfängt: François-Eugène Vidocq, einst Krimineller, später legendärer Polizeiermittler in Paris. Collins zeichnet das Bild eines Mannes, der zwischen den Welten wandelt – halb Gauner, halb Gesetzeshüter – und gerade dadurch die .... Weiterlesen...
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 Charles Allston Collins   Deutsch  CC 3: by-nc-nd  27.09.2025  927.52 KB  62  988

ebook Edgar Allan Poe
(25)
„In der Finsternis liegt der Schlüssel zur Erkenntnis.“

Die vorliegende Sammelausgabe bringt das gesamte Werk von Edgar Allan Poe in einer lesefreudigen und zugleich literarisch anspruchsvollen Edition zusammen – ein Geschenk an alle Liebhaber der schwarzen Romantik, des makabren Humors und der genialen Verknüpfung von Rätsel, Symbolik und Stil. Poe, der .... Weiterlesen...
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 Edgar Allan Poe   Deutsch  CC 3: by-nc-nd  16.01.2021  4.82 MB  1021  24.029

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