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- Kategorie: Zulu Magazin
- Veröffentlicht: Donnerstag, 04. Dezember 2025

„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“ Kaum ein deutscher Vers wird so oft zitiert wie dieser, meist im Oktober, meist ohne den Rest des Gedichts. Rilke schrieb ihn 1902 in Paris, 26 Jahre alt, gerade angekommen, um ein Buch über den Bildhauer Auguste Rodin zu schreiben. Was er in Paris lernte, hat seine Dichtung verändert – und die deutsche Lyrik gleich mit.
Rainer Maria Rilke wurde am 4. Dezember 1875 in Prag geboren und starb am 29. Dezember 1926 in der Schweiz. 150 Jahre nach seiner Geburt ist er der meistzitierte Lyriker der Sprache und einer der am wenigsten gelesenen über die bekannten Gedichte hinaus. Bei Zulu liegt er in drei Ausgaben vor: die Erzählungen, der einzige Roman, die Gedichte.
Rilke ist kein Schwärmer, sondern ein Handwerker
Das Bild vom zarten Dichter mit dem Schnurrbart stimmt nur zur Hälfte. Der junge Rilke aus Prag schrieb viel und schnell und wusste selbst, dass das meiste davon Stimmung war. Dann kam Rodin. Rilke wurde 1905 für einige Monate dessen Sekretär und sah einem Mann zu, der jeden Tag arbeitete, ob er Lust hatte oder nicht. „Il faut toujours travailler“ – man muss immer arbeiten –, das war Rodins ganze Lehre, und Rilke machte daraus eine Poetik: Gedichte nicht mehr aus Gefühlen, sondern aus Dingen, angeschaut, bis sie sich öffnen. Der „Panther“ im Jardin des Plantes, der „Archaische Torso Apollos“ im Louvre: Das sind Übungen in Genauigkeit.
Paris gab ihm auch den Stoff für die „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (1910), sein einziges Prosawerk von Rang. „So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier“ – der erste Satz. Danach schwieg der Lyriker fast zehn Jahre, bis er im Februar 1922 im Turm von Muzot im Wallis in wenigen Wochen die „Duineser Elegien“ vollendete und die „Sonette an Orpheus“ dazuschrieb.
Herbsttag
Das Gedicht aus dem „Buch der Bilder“, vollständig – man sollte es einmal bis zum Ende lesen, denn die letzte Strophe ist der Grund, warum es so berühmt ist:
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Zwei Strophen Gebet, dann kippt es: Das Gedicht hört auf, zu bitten, und stellt fest. Wer jetzt kein Haus hat, hat Pech. Die Kälte dieses Umschlags ist Rilke – nicht die Sonnenuhren.
Die Ausgaben bei Zulu
Die Sammelausgabe „Rilke Lyrik“ enthält über dreihundert Gedichte, vom „Stunden-Buch“ über das „Buch der Bilder“ bis zum „Archaischen Torso Apollos“ – die späten Zyklen sind nicht vollständig enthalten, das sagen wir ehrlich dazu. „Rilke Erzählungen“ versammelt 71 Prosastücke, viele davon aus den Prager Jahren, in denen Rilke noch Geschichten schrieb, bevor er Dichter wurde. Und der „Malte“ liegt als eigener Band vor, 105 Seiten, die man zweimal lesen sollte.
Lesepfad
Die Reihenfolge, die wir empfehlen: zuerst den Malte, dann die Gedichte, zuletzt die Erzählungen – so sieht man, wo Rilke hinwollte, bevor man sieht, wo er herkam.
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