Henrik Pontoppidans „Totenreich“ („De Dødes Rige“)“ zählt zu jenen politischen Romanen, deren eigentliche Modernität erst durch ihre zeitgenössischen Leser sichtbar wird. Einer der klarsichtigsten war Erich Schlaikjer, der 1923 in der Sonderburger Zeitung eine ungewöhnlich umfangreiche und persönliche Analyse veröffentlichte. Sein Kommentar macht den Roman zu einem Doppelspiegel: Er zeigt nicht nur Pontoppidans verzweifelten Blick auf Dänemark – sondern auch die politischen und seelischen Bruchlinien der deutsch-dänischen Wahrnehmung nach dem Ersten Weltkrieg.
Schlaikjer erinnert zunächst an seine Begegnung mit Pontoppidans Frühwerk „Fra Hytterne“: ein dünner, aber seelisch wuchtiger Band, der für ihn – einen jungen Berliner Schriftsteller schleswigscher Herkunft – wie eine Rückverbindung zur „versunkenen dänischen Sprache“ funktionierte. Er beschreibt, wie Pontoppidans frühe Werke eine „ursprüngliche Kraft“ besaßen, die später nie mehr überboten wurde. Diese biografische Rückblende ist entscheidend: Sie zeigt, dass Schlaikjer Pontoppidan nicht als politischen Autor liest, sondern als jemanden, der die Seelenlandschaft eines ganzen Volkes zu erfassen versucht – und genau darin sieht er den Schlüssel zu „Totenreich“.
Im zweiten Teil seines Kommentars weitet Schlaikjer den Blick: Er liest den Roman als psychologischen Bericht über die innere Erschöpfung Dänemarks. Es sei kein „sozialer Roman“, schreibt er, sondern ein Werk, das die Folgen des politischen Apparates im Innersten der Menschen sichtbar mache. Figuren wie Dr. Gaardbo, Frau Abildgaard, Thyrstrup oder Dihmer scheinen für ihn weniger Individuen als Symptome: Symptome eines Gemeinwesens, das seinen moralischen Kompass verloren hat. Dänemark erscheine darin als Land, das sich in einem „Zerfall der Verantwortungsfähigkeit“ eingerichtet habe – ein Volk, das an seiner eigenen Müdigkeit kranke.
Schlaikjer weitet seine Deutung sogar ins Übernationale: „Totenreich“ wird für ihn zu einem Menetekel einer politischen Kultur, die historische Realitäten verkennt, sich in parteilichen Ränken verliert und damit – so seine harsche Formulierung – „einer Karikatur ihrer selbst“ entgegengeht. Dass Pontoppidan an der Politik verzweifle, aber nie an der Kunst, ist für Schlaikjer nicht nur eine ästhetische Beobachtung, sondern ein moralisches Urteil: Die Literatur bleibe der letzte Raum von Wahrheit, wenn Staat und Gesellschaft zu erstarren beginnen.
In dieser Perspektive verwandelt sich Pontoppidans Roman in ein doppeltes Krisendokument: Er zeigt die innere Agonie eines Landes – und spiegelt zugleich die geopolitischen Brüche der 1920er Jahre, wie sie Schlaikjer aus deutscher Sicht wahrnimmt. Damit gewinnt „Totenreich“ eine historische Tiefe, die weit über die dänische Literatur hinausreicht. Editor: A.D. (Zulu-Ebooks.com) Edition Zulu-Ebooks.com |